Vera F. Birkenbihl publizierte nicht nur unter ihrem eigenen Namen, sondern veröffentlichte in ihrem A-Verlag und an anderen Orten auch unter dem Pseudonym Carola Algernon. „Algernon“ ist ein im Französischen Einzugsbereich etablierter männlicher Vorname; er wird [ældʒə(r)nən] ausgesprochen. Dass VFB ihn nutzte, ist darauf zurückzuführen, dass der 1927 in New York geborene amerikanische Science-Fiction-Autor Daniel Keyes 1959 die Novelle „Flowers for Algernon“ veröffentlicht hatte, die mit dem Hugo Gernsback Award ausgezeichnet wurde und als Romanfassung 1966 den Nebula Award verliehen bekam, also ein außerordentliches SF-Werk ist.
Interessant ist: VFB studierte in den USA Psychologie und Journalismus, arbeitete für die Zeitschrift „Phillit“ und als Sprachlehrerin, später auch als Dozentin für „brain friendy“-Themen. Keyes hatte Psychologie studiert, war Zeitungsredakteur und Modefotograf, später Englischlehrer und (nach einem Literaturstudium) Dozent u. a. an der Ohio University; er starb 2014. In „Flowers for Algernon“ geht es um Folgendes:

Sein ganzes Leben lang will „der blöte“ Charlie Gordon, anfangs kaum des Lesens mächtig, nur eins: genauso schlau sein wie alle anderen Menschen. Sein IQ ist von Geburt aus niedrig, doch eine experimentelle Operation, die zuvor noch nie an einem Menschen versucht worden war, soll das ändern. Das Experiment ist tatsächlich ein Erfolg und Charlie entwickelt sich innerhalb kürzester Zeit zu einem Genie, überflügelt schließlich intellektuell und fachlich sogar die Professoren, die das Experiment an ihm leiten. Und doch kämpft er mit seiner neu entwickeltenen Intelligenz und beginnt die Welt in anderen Augen zu sehen. So erkennt er, dass die weiße Versuchsmaus Algernon, das erste Lebewesen, das mit derselben Methode erfolgreich behandelt wurde und mit der er sich deshalb emotional verbündet fühlt, sich mehr und mehr sonderbar verhält und offensichtlich wieder verdummt. Als Algernon verstirbt, wird Charlie klar, dass auch seine Intelligenz nicht von Dauer ist. Das Buch „Blumen für Algernon“ besteht aus einer Art Tagebuchaufzeichnungen („Fortschrittsberichte“ genannt), die die tragische mentale Auf- und Abentwicklung Charlies widerspiegeln und vor allem sein Ende ist zutiefst herzberührend. Den letzten Tagebucheintrag schließt Charlie Gordon mit den Worten: »Es ist leicht freunte zu haben wen man die leute lachen les über einen. Da wo ich hinge werde ich eine mänge freinte haben. P.S. Bitte wen sie könen legen sie ein Par blumen auf Algernons grab hinden im garten.«

„Flowers for Algernon“ war das erste SF-Buch, das Science-Fiction-Fan Vera F. Birkenbihl in den USA dekodierte und hierduch die Neurowissenschaft als Thema für sich entdeckte. Fast kann man zur Meinung gelangen, dass Birkenbihl, die sich damals noch unsicher war, in welche wissenschaftliche Richtung sie sich bewegen sollte, ohne die Geschichte um Charlie und Algernon sich auf ganz andere Forschungsbereiche konzentriert hätte … wenn nicht der familiere Hintergrund (Vater und Großvater hatten Psychologie studiert).
Fakt ist, dass im Buch sämtliche Grundprinzipien ihrer späteren Arbeit versteckt sind und dass sie sich sogar (wie man an einigen Texten ihrer „STORIES & POEMS – Made in USA“ erkennen kann) an der Art, wie Keyes den jungen Charlie erzählen lässt, orientiert hatte. Später ehrte auch VFB die Versuchsmaus, dadurch, dass sie deren Name als Pseudonym nutzte, allerdings mit „Carola“, der weiblichen Form von „Karl“ resp. „Charlie“. Dieser Name bedeutet im Althochdeutschen „der Tüchtige, der freie Mann“ … also steht Carola für „die Tüchtige, die freie Frau“.
Ein kleiner Einblick in das Buch (mit freudlicher Genehmigung des Verlages KLETT COTTA):

„(…) Fortschrittsbericht 8 | 15. März. – Ich bin aus dem kranken Haus aber noch nich wieder an meiner arbeitstele. Es pasirt überhaub nichs. Ich hatte eine menge brüfungen und verschidene arten fon Wettrenen mit Algernon. Ich hase die maus. Er schlek mich jedes Mal. Prof Nemur sagt ich mus imer wieder diese spile und diese brüfungen machen.
Die Ihrgartenspile sind blöt. Und die bilder sind auch blöt. Ich Zeichne gern die bilder fon einem man und fon einer frau aber ich wil keine lügen über leute erfinden. Und ich kan nich gut mit den Pusels fertik werden. Ich bekome kopfwe weil ich versuche so fil zu denken und mir zu erinern. Dr Strauss fersprach mir er wolte mir helfen tuts aber nich. Er sagt mir nich was ich denken mus oder wan ich Intelgent werde. Er ferlang plos das ich mich auf ein Sohfa lege und spreche.
Miss Kinnian besuch mich auch im Koletsch. Ich sagte ihr es pasirt überhaup nichs. Wan werde ich den nun Intelgent. Sie sagte sie müsen Keduldik sein Charlie diese dinge brauchen Zeit. Es wird so langsam gescheen das sie es nich merken. Sie sagte Burt sagte ihr ich kome gut forwers. Ich denke drotsdem das diese Wetrenen und diese Brüfungen blöt sind. Und ich denke das ich diese Fortschrittsberichte schreiben sol ist auch blöt.
Fortschrittsbericht 9 | 16. März. – Ich habe mit Burt im Koletsch Restoron zu mitag gegesen. Sie hatten lauter ferschidenes gutes esen und ich mus nich Mal da für bezalen. Ich sitse gern da und schaue den Jungen und medchen fom Koletsch zu. Mansch Mal trödel sie plos so herum aber meistens reden sie über ales möklische genau sowie die Bäcker in der Bäckerei Donner. Burt sagt es ist über Kuns und poletik und relikjon. Ich weis nich was diese dinge beteuten aber ich weis relikjon beteutet got. Mama erzelte mir imer ales über ihn und was er gemacht hat um die welt zu erschafen. Sie sagte ich sol stes got lieben und zu ihm beten. Ich erinere mir nich wie man zu ihm betet aber ich glaube Mama lis mich oft zu ihm beten als ich klein war da mit er mich solte beser machen und nich krank. Ich erinere mir nich wiso ich krank war. Ich glaube es war darum weil ich nicht Intelgent war.
Jedenfal sagt Burt wen das experement klapt werde ich al das fersten könen wo fon die studenten sprechen und ich sagte meinen sie das ich so Intelgent werde wie sie und er lachte und sagte so Intelgent sind die jungen leute gar nich sie werden so schnel an denen vorbeizien als ob die stenbliben. Er stelte mich einer menge fon den stutenden for und ein Par fon ihnen sahen mich komisch an so wie wen ich nich in ein Koletsch gehöre. Ich fergas beina und fing an ihnen zu erzelen das ich bald ser Intelgent sein werde wie sie aber Burt unterbrach mich und sagte ihnen ich putse das labor fon der psych Abteilung. Hinter her erklerte er mir es sol nichs bekant werden. Das beteutet es ist ein Geheimnis. (…)
Ich hätte nicht gedacht das die leute über Prof Nemur lachen weil er ist ein wisenschaftler in einem Koletsch aber Burt sagte kein Wisenschaftler ist ein Groser Man for seinem Koletsch und seinen gradulirten stutenten. Burt ist ein gradulirter stutent und Spezilist in Psychologie wie der name auf der tür zum labor. Auf jedenfal hofe ich bald Intelgent zu werden den ich wil Ales lernen was es auf der Welt gibt ales was die Jungens fom Koletsch wisen. Ales über kuns und poletik und got.

Fortschrittsbericht 10 | 17. März. – Als ich heute Morgen auf wachte dachte ich gleich ich war Intelgent geworden aber war nich so. Jeden Morgen denke ich ich bin Intelgent geworden aber nichs geschit. Fileich hat das Experement nich geklabt. Fileich werde ich nich Intelgent und mus ins Warren heim gen. Ich hase die brüfungen und ich hase den Ihrgarten und ich hase Algernon.
Ich wuste forher nie das ich dümer bin als eine maus. Ich habe keine Lus mer weiter Fortschrittsberichte zu schreiben Ich fergese manches und selbs wen ich es in mein notisbuch schreibe kan ich manch Mal meine eigene schrif nich lesen und es ist sehr schwer. Miss Kinnian sagt haben sie getult aber ich füle mir krank und müte. Und imer krige ich Koffwe. Ich wil wieder in die Bäckerei Schafen gen und keine Forschrits Fortschrittsberichte mehr schreiben.
Fortschrittsbericht 11 | 20. März. – Als ich heute Morgen auf wachte dachte ich gleich ich war Intelgent geworden aber war nich so. Jeden Morgen denke ich ich bin Intelgent geworden aber nichs geschit. Fileich hat das Experement nich geklabt. Fileich werde ich nich Intelgent und mus ins Warren heim gen. Ich hase die brüfungen und ich hase den Ihrgarten und ich hase Algernon.

Fortschrittsbericht 12 | 21. März. – (…) Ich bin fro das ich wieder Schafen ge den ich fermise meine arbeit in der Bäckerei und ale meine freinde und alen Spas den wir miteinaner haben. Dr Strauss sagt ich sol imer ein Notisbuch in meiner tasche bei mir haben für sachen an die ich mir erinere. Und ich brauche die Fortschrittsberichte nich jeden tag zu machen plos wen mir Etwas einfelt oder wen sich Etwas spetsieles ereignet. Ich sagte ihm bei mir ereignet sich nie Etwas spetsieles und es sit auch nich so aus wie wen sich dieses spetsiele Experement ereignet. Es sagte werden sie nich mutlos Charlie weil es lange dauer und nur langsam fon staten geht und sie es nich gleich bemerken könen. Er erklerte mir wie lange es bei Algernon gedauer hat bis er 3 Mal so Intelgent wurde wie for her. Darum besikt mich Algernon imer in dem Ihrgarten Wetrenen weil er auch operirt worden ist.
Er ist eine besonere maus das 1. tir das so lang nach der Operatsjon Intelgent gebliben ist. Ich wuste nich das er eine besonere maus ist. Das macht die sache Anders. Warscheinlisch könte ich das Ihrgartenspil schneler spielen als eine Rischtigke maus. Kan sein eines tages besike ich Algernon. Jungejunge wär das aber tol. Dr Strauss sagte bisher sit es so aus wie wen Algernon möklischerweise dauern Intelgent bleiben wird und er sagt das ist ein Gutes Zeichen den wir sind beide der gleichen Operatsjon unter zogen worden. (…)“
Nebenbei bemerkt (I): Die Verfilmung des Keyes-Buchs unter dem Titel „Charly“ mit Cliff Robertson in der Hauptrolle wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.
Nebenbei bemerkt (II): Rund fünf Jahre nach ihrer Rückkehr aus den USA entschloss sich Vera F. Birkenbihl, einen eigenen Verlag zu gründen, der fortan viele ihrer nicht so umfangreichen Werke veröffentlichen sollte: Dieser „Algernon“ benannte Verlag wurde jedoch schon kurze Zeit später von ihr in „A-Verlag Vera F. Birkenbihl“ umbenannt, wie eine ehemalige Mitarbeiterin des „A-Verlags“ gegenüber BIRKENBIHL SAMMLUNG & ARCHIV berichtete; die genauen Gründe hierfür sind nicht bekannt, könnten jedoch rechtlicher Natur sein.