Vera Felicitas Birkenbihl

Zu den Punkten 5 bis 7 siehe VFBs Text „Coming Home“ in „Stories & Poems: Made in USA“

Vera Felicitas Birkenbihl (*26. April 1946, †03. Dezember 2011) war einziges Kind von Michael und Anna Birkenbihl. Ihre Kindheit war begleitet von für sie tragischen Verlusten von Bezugspersonen aus dem Kreise ihrer Famile: der Großmutter mütterlicherseits im Jahre 1956 (VFB war da gerade einmal neun Jahre alt), dem einzigen Onkel Werner 1958 (dem sie in „Stories & Poems: Made in USA“ / „Geschichten & Gedichte: Made in USA“ ein eigenes Kapitel widmete) und kurz danach starb mit dem Professor ihr Großvater. Das alles setzte der späteren Ikone gehirn-gerechten Lernens sehr zu, wie man ihren recht autobiografischen Texten in „Stories & Poems …“ bzw. „Geschichten & Gedichte …“ entnehmen kann.

Ihre Eltern verlobten sich 1943 und bezogen nach der Hochzeit kurz vor Ende des 2. Weltkriegs eine Wohnung im 1. Stock des Hauses Franz-Joseph-Straße 14 in München-Schwabing. Am 26. April 1946 kam Vera F. Birkenbihl zur Welt und wuchs dort nahe der Wohnung des Großvaters auf. Im Sommer 1952 wurde VFB unter allgemein schwierigen Bedingungen in München eingeschult. Dort herrschte seinerzeit eine große Schulraumnot und viele der Schulen im Birkenbihls Wohnumfeld waren stark beschädigt oder mussten umfunktioniert werden. Man behalf sich zunächst notdürftig mit Behelfsbauten bzw. Baracken, doch Ende 1951 beschloss der Stadtrat, eine neue Schule am Bayernplatz zu bauen (der am südlichen Ende des Luitpoldparks liegt), was in Rekordzeit auch gelang.

VFB ca. 1983

Bereits Mitte 1952 konnte das Hauptgebäude eröffnet werden – knapp zwei Kilometer von VFBs Elternhaus in der Franz-Joseph-Straße entfernt –, doch die Raumnot konnte damit bei knapp 1300 Einschulungen noch nicht behoben werden: Der Unterricht fand in Klassen mit über 40 Schülerinnen und Schülern statt und musste in Vormittags- und Nachmittagsschichten abgehalten werden. Dass sich Vera F. Birkenbihl hier nicht wohl fühlte, ist bekannt und wurde von ihr immer wieder ausführlich thematisiert.

Auch nach ihrem Wechsel auf das Gisela-Gymnasium am Elisabethplatz im Alter von zehn Jahren (dass sich noch heute nur einen Katzensprung vom Wohnhaus entfernt befindet) änderte sich daran nicht viel, zumal dem jungen Mädchen damals noch den Tod ihrer Großmutter in den Knochen saß. Außerdem: 1957 gab es rund 1200 Schüler am „Gisela“, die sogar in drei Schichten unterrichtet wurden; da blieb nicht viel Zeit für eine individuelle Unterrichtsbetreuung oder Förderung einzelner Schüler:innen. O-Ton Birkenbihl: »Mein Schulversagen führte dazu, dass ich die Schule nach der 10. Klasse (damals ‚5. Klasse‘ auf dem Gymnasium) verlassen musste und mich mit Jobs durchschlug, während ich einen Weg suchte, doch weiterzulernen.«

1965 folgte sie, sehr zum Kummer ihrer Mutter, ihrem Vater in die Vereinigten Staaten mit dem festen Plan, dort studieren zu können. Ihren Lebensunterhalt verdiente sich Vera F. Birkenbihl während ihrer USA-Zeit in den verschiedensten beruflichen Bereichen, war sich fürnichts zu fein, arbeitete unter anderem als Bedienung in einem Nightclub, Verkäuferin, Toilettenfrau, Schaufensterdekorateurin. Im Mai 1967 heiratete sie in St. Louis John Hotze, einen amerikanischen Computertechniker mit Schweizer Wurzeln, durfte so weiterhin in den Staaten bleiben, doch weil sie sich ihre autarke Arbeits- und Lebensweise nicht einschränken lassen wollte, endete die Ehe bereits 1969 mit der Scheidung. Im gleichen Jahr wechselte Vera F. Birkenbihl als Studentin an die University of Missouri in St. Louis, wo sie als bekennender Science-Fiction Fan (so liebte sie u. a. das 1959 erschienene Buch „Flowers for Algernon“ von Daniel Keyes und die von 1966 bis 1969 in den Vereinigten Staaten erstausgestrahlte TV-Serie „Star Trek“) auch begann, belletristischen Texte, Essays, Geschichten und Gedichte zu schreiben. Gleichwohl war es für sie als deutsch-stämmige Autorin und Dozentin schwer, in den USA akzeptiert zu werden, wie sie ebenfalls in den „Stories & Poems“ / „Geschichten & Gedichten“ berichtete. Mehrfach wurde ihr geraten, sich auf Science-Fiction-Stories zu konzentrieren, was sie jedoch ablehnte. Dafür veranstaltete sie mit Förderung durch die NGO „Ashoka“ ab 1969 in der Metropole am westlichen Ufer des Mississippi erste Kurse mit „brain-friendly“ Vorträgen und eigene Seminare*.

1993 neben einem Overheadprojektor

Schwierigkeiten bereitete VFB bis hin zur Vorbereitung auf das Abitur vor allem das „Einpauken“ von Vokabeln im Fremdsprachenunterricht**, was ihren Großvater dazu brachte, seiner Vera die sog. „Methode Mertner“ (ab 1927 „System Mertner“) von Robert Mertner***, vereinfacht von seinem Freund Dr. Müller, ans Herz zu legen … seinerzeit vergeblich. Umso erstaunlicher, wie schnell sie in den USA, in denen Birkenbihl rund sieben Jahre lang »im Exil«, wie sie es nannte – lebte (zuerst in Kalifornien, dann nach einem Umweg über die US-Ostküste in St. Louis/Missouri), die Sprache erlernte … dank des Dekodierens nach Mertner / Müller.

In dieser Zeit absolvierte sie erfolgreich den sog. „College-Entrance-Test“, der es ihr erlaubte, in den Vereinigten Staaten ohne Abitur bzw. Highschool-Abschluss Psychologie und Journalismus zu studieren. Mit Anfang 20 schloss sie in der 200.000 Einwohner-Metropole am Mississippi River ihr Studium mit dem M. A. of Psychology ab und entwickelte (langsam aber sicher in ihren Absichten) ihre eigenen „brain-friendly“ Lerntechniken, basierend auf den damals vorliegenden Erkenntnissen der Hirnforschung, sowie die eigene Sprachlernmethode des Dekodierens.

Nach einer Fehlgeburt und persönlichen Enttäuschungen im Jahre 1971 entschloss sich Vera F. Birkenbihl im Sommer 1972 aus Heimweh, gekoppelt mit einer Art USA-Burn-Out, zur Rückkehr nach München, wo sie im Oktober als erwachsene und fokussierte Frau ankam und bald darauf ihre Arbeitslosigkeit als freie Trainerin, Dozentin und Autorin überwand. Anfangs wohnte sie noch in der elterlichen Wohnung zwischen dem neuen Olympiapark und dem Englischen Garten. Schnell kam der publizistische Erfolg: Bereits 1973 veröffentlichte sie mit „Die persönliche Erfolgsschule“ ihr erstes eigenes Buch, dem in kurzen Abständen weitere folgten. 1983 kam dann mit „Stroh im Kopf?“ ihr erster Bestseller auf den Markt, der sich sogar zu einem auflagenstarken Longseller entwickelte. – Damit hatte jeder der 3 Birkenbihls sowohl eine Rebellion gegen das jeweilige Elternhaus gewagt und erfolgreich überstanden, als auch Bücher veröffentlicht.

Obwohl Birkenbihl niemals ein autobiografisches Werk veröffentlichte, erlaubt ein intensiver Blick in die „Stories & Poems: Made in USA“ – insbesondere in einen Text, den sie entgegen des Labels „Made in USA“ im Herbst 1972 in Deutschland schrieb – Recherchen zu einigen ihrer Müncher Jahre. So enthalten Vera F. Birkenbihls Aufzeichnungen zum ersten Tag nach der Rückkehr aus den USA mit einem Lufthansa-Flug (einer Mitarbeiterin des „A-Verlags“ hatte sie einst berichtet, die PanAm-Flüge wären kurz zuvor massiv teurer geworden), viele Angaben aus ihrer Schwabinger Zeit bis 1965 und man sieht: VFB bewegte sich in ihrer Kindheit und der Teenagerzeit in einem relativ kleinen Karree, hatte dort ihre besonderen Orte nörlich und südlich der Hohenzollernstraße, wie etwa den Studententreff Café Europa oder die Lieblingsbuchhandlung Lehmkuhl. Eine kleine Exkursion lohnt sich noch heute, man muss nur ihren recht exakten Schrittangaben in „Reflections: Coming Home“ folgen …

Vera F. Birkenbihl kaufte 1980 gemeinsam mit ihrem Vater für etwa 140.000 DM ein Haus im Landkreis Dachau. Die Adresse Bergstraße 24b in Odelzhausen wurde über Jahre DIE Wohn- und Kontaktadresse für die beiden Birkenbihls, die VFB auch nach der Krankheit und dem Tode ihres Vaters im Jahre 1993 beibehielt (Anm.: Hier wurden auch die Filmaufnahmen für die BR-TV-Serie „ALPHA – Sichtweisen für das dritte Jahrtausend“ gedreht), bis sie 2008 ins Bremer Umland nach Osterholz-Scharmbeck verzog. Der Grund dafür war unter anderem der ärztliche Rat, ihre durch eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung eingeschränkte Atmung im Klima des Küstenumlands zu verbessern – so jedenfalls der Plan, der wegen ihres nicht vorhersehbaren Todes aber nur rund drei Jahre lang für sie Wirklichkeit werden konnte.

Mit dem Umzug endeten auch ihre jährlichen Veranstaltungen in der Volkshochschule des Odelzhausen nahe gelegenen Karlsfeld: die sog. „Karlsfelder Trilogien“. Den „A(lgernon)-Verlag“ hatte sie zu ihrer Zeit in Odelzhausen von Allach-Untermenzing in das dortige kleine Gewerbegebiet in der Robert-Bosch-Straße verlegt, ebenso wie das von ihr 1975 gegründete Institut für gehirn-gerechtes Arbeiten. Zuletzt hatte Birkenbihls Institut dann in ihrem neuen Domizil Klein Westerbeck 9 in Osterholz-Scharmbeck ein neues Domizil gefunden.


* = Aus dem Text „Adopt a Brain-Based Approach to Teaching“ von David W. JOHNSON aus dem Jahre 1968: „Leverage insights from neuroscience and cognitive psychology to enhance instructional effectiveness. Research indicates that teaching strategies aligned with the brain’s natural learning processes can significantly improve learning outcomes, accelerate knowledge acquisition, and enhance long-term retention and recall, while also increasing student engagement and motivation.“ (Deutsch: „Nutzen Sie Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und der kognitiven Psychologie, um die Unterrichtseffektivität zu steigern. Untersuchungen zeigen, dass Lehrstrategien, die auf die natürlichen Lernprozesse des Gehirns abgestimmt sind, die Lernergebnisse deutlich verbessern, den Wissenserwerb beschleunigen und die langfristige Speicherung und Erinnerung verbessern können. Gleichzeitig steigern sie das Engagement und die Motivation der Schüler.“

** = Die Bremer Sozialwissenschaftlerin Dr. Jenna Voss schreibt in ihrem kindle-E-Book „Verabredung mit Vera F. Birkenbihl vom März 2011 (Ein Gespräch über das Schreiben)“ u. a.: „An einer anderen Stelle thematisiert sie [Anm.: Birkenbihl], dass sie zum Beispiel nach Amerika nach dem verpatzten Abitur ging, zu dem sie nicht zugelassen wurde, weil sie in Englisch sitzen geblieben war.“

*** = erstveröffentlicht 1919 im Münchner Verlag für zeitgemässe Sprachmethodik und anschließend in beinahe 100 Auflagen erschienen.