Im Sommer 1965 ging Vera F. Birkenbihl, damals 19 Jahre alt, gemeinsam mit ihrem Vater Michael in die USA. Während der spätere Management-Trainer dort für etwa zwei Jahre in verschiedenen Unternehmen und Betrieben, aber auch an zwei Universitäten, Erfahrungen zu Methoden und Abläufen (seinerzeit) moderner US-amerikanischer Firmen und deren Chefetagen sammelte, die er später in seinem Bestseller „Train the Trainer“ verarbeitete, war es von Anfang das Ziel von VFB, in den USA eine Befähigung zu erlangen, ohne Abitur oder Highschool -Abschluss Psychologie studieren zu können, wie es Vater und Großvater vorgelebt hatten.

Die sog „Resident Alien Card / Formular I-551“ (auch „Green Card“ genannt) erlaubte es den beiden Birkenbihls vom September 1965 rund anderthalb Jahre in den USA zu leben und zu arbeiten. Während Michael Birkenbihl im Februar 1968 nach Deutschland zurückkehrte, hatte Vera F. Birkenbihl andere Pläne, wollte ein selbständiges Leben führen. Anfangs wohnte Vera (die damals noch nicht des ‚F.‘ ihres zweiten Vornamens nutzte) in Kalifornien, eine Freundin empfahl ihr jedoch die Stadt Saint Louis in Missouri als den richtigen Ort für den sogennanten „College-Entrance-Test (CET)“, durch den sie im Frühjahr 1967 tatsächlich die Befähigung erlangte, studieren zu dürfen – für die einstige Schulabbrecherin eine Art Quantensprung, den sie mit eiserner Disziplin und bis zu 10 Stunden Lernen am Tag schaffte, wobei sie sich nahezu täglich autodidaktisch via Dekodierung in der englischen Sprache unterwies und darin immer besser wurde.

Doch die Einkünfte ihrer diversen Jobs (u. a. als Bedienung in einem Nightclub, Verkäuferin, Toilettenfrau, Schaufensterdekorateurin) reichten bei weitem nicht aus, um das angestrebte Studium durchführen zu können, weshalb VFB im Herbst 1967 (sie war damals Mitte 21) nach einer relativ kurzen Zeit des Kennenlernens mit Mr. John Kabe Hotze die Ehe schloss, einem Amerikaner mit Schweizer Wurzeln, den sie bei einem studentischen Musik-Event kennengelernt hatte.
Hotze, der am 08. August 1940 in St. Louis geboren wurde und 1960 der US Marine beitrat, war eng mit dem Mississippi und der Steamboat-Kultur verbunden. Als bekennder Bluegrass-Fan freundete er sich mit dem Musiker John Hartfort an, der Ende der 1960er Jahre Hippies den Bluegrass näherbrachte und die Welt mit seinem Songwriting begeisterte. Beide John’s blieben miteinader bereundet hatten bis zu Hartfort Tod 2001 immer wieder Kontakt. Nach seiner Zeit bei der US Navy arbeitete hotze in St. Louis bei McDonnell als Computertechniker für Großrechner und soll gemeinsam mit seinen Kollegen wichtig für Konstruktion und Betrieb der Gemini-Raumkapseln gewesen sein, so wurde es zumindest später berichtet.

1980 gründete Birkenbihls Ex-Mann in St. Louis ein Computerunternehmen namens Micro Innovations, in dem er weit über 40 Stunden die Woxhe arbeitete und hauptsächlich Homecomputer reparierte. Neben seinem eigenen Unternehmen arbeitete er für den Medienverbund Lutheran Hour Ministrie, wo er die Desktop-Infrastruktur betreute. Was seine Ehe mit Vera F. Birkenbihl betraf, so hilt diese nicht lange, da man davon ausgehen kann, dass VFB sich von ihrem Ehemann ihre autarke Arbeits- und Lebensweise und das angestrebte Studium nicht einschränken lassen wollte. Noch 1967 schrieb sich Vera F. Birkenbihl an der University of Missouri in St. Louis (SLU) ein, studierte Psychologie und Journalismus und arbeitete außerhalb des Studiums hart. Da blieb nicht viel Ziet für die Interessen ihres Ehemannes, sodass beide beschlossen, ihre Ehe 1969 für beendet zu erklären. Fast Zeitgleich mit ihrer Scheidung schloss Vera F. Birkenbihl ihr Studium mit dem M. A. of Psychology ab und hatte da schon ihre ersten eigenen Lerntechniken entwickelt, basierend auf damals vorliegenden Erkenntnissen der Hirnforschung. Und Birkenbihl hatte begonnen, belletistische Texte, Essays, Geschichten und Gedichte zu schreiben, arbeitete sowohl am gleich mehreren Sachbuchkonzepten wie an einem SF-Roman, der aber von ihr nie vollendet wurde.

John Hotze heiratete in den 1970er Jahren erneut, bekam mit seiner zweiter Ehefrau vier Kinder: Kabe (Becky), Karen (Joe), Kassidy (Curt) und Keith, soll ein liebevoller Vater gewesen sein und geschätzter Großvater für seine Enkel Alex, Belle und Dylan. Als großer Fan der Bluegrass-Musik war Vera F. Birkenbihls Ex-Ehemann auch viele Jahre für das jährlich stattfindende John Hartford Festival (JHF)** aktiv, das von ihm initiiert wurde – ohne jegliche Erfahrung in der Musikveranstaltungsbranche. Hotze sagte einmal: „Ich habe mich nie an Regeln gehalten oder dem Mainstream gefolgt. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, gebe ich nur schwer auf. Ich bin risikofreudig.“ John erlitt 2011 und 2012 mit dem JHF erhebliche finanzielle Verluste, was kein Wunder ist, da Festivals in den ersten Jahren meistens Minus machen.
2014 erkrankte er an Krebs, überlebte die Behandlungen, verstarb aber am 29. März 2021 im Alter von 80 Jahren an den Spätfolgen seiner Erkrankung. Ins Kondolenzbuch schrieben seine Nachkommen folgenden Text: „Er war eine freundliche Seele mit einer Vision, war ein ‚riverman’*, großzügig, entspannt, vielseitig und immer rücksichtsvoll gegenüber anderen. Ein Schöpfer von Erinnerungen für so viele andere. John war ein Träumer, der alles gab für seine leidenschaftliche Liebe zur Musik. Es gibt nicht genug Möglichkeiten, unsere Dankbarkeit auszudrücken oder ihn wissen zu lassen, was er uns bedeutet. Er wird für immer in unseren Köpfen sein.“ – Weitere Nachrufe:
„John war einer der wenigen Menschen, die ich kenne, der bereit war, ein großes Risiko einzugehen, um einen Traum zu verwirklichen. Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. – Dan Bent (04. April 2021) /// „Du warst so ein toller Opa. Ich habe die Zeit mit dir sehr genossen. – Alex“ (05. April 2021) /// „Es tut mir so leid, von Johns Tod zu hören. Wir haben uns oft über Bluegrass und seine Arbeit für das John Hartford Festival unterhalten. Er hat seine eigene Vision verfolgt. Ich hoffe, er ist nach seiner Pensionierung viel gereist. Er wird uns fehlen. – Paul Schreiber (20. April 2021) /// „Du warst war mir ans Herz gewachsen. Ich habe so viele Stunden miit Dir verbracht, wir haben über Bluegrass geredet, dazu getanzt und sind einfach gute Freunde gewesen. Mein tiefstes Beileid an alle in der Familie und die Freunde, die ihn vermissen. Ich bin fassungslos. Ich habe es erst vor einer Sekunde erfahren. Liebe Grüße und Umarmungen von… Richard McIntyre“ (29. September 2024) und auf der Webseite des JHF heißt es seit 2012:
„Was macht man, wenn einer der engsten Freunde viel zu früh stirbt, insbesondere ein langjähriger Freund wie John Cowan Hartford, der das Sinnbild eines freien Musikers verkörperte – ein begnadeter Songwriter, ein großartiger Fiddler und Banjospieler sowie ein wunderbarer Entertainer? Laut John Hotze, einem 71-jährigen Unternehmer, Visionär, Musiker, Musikliebhaber, Draufgänger und langjährigen Freund des Verstorbenen, der wie er in St. Louis aufwuchs, veranstaltet man ihm ein Festival – und genau das tat Hotze. Das erste John-Hartford-Gedächtnisfestival fand im Juni 2011 in Bill Monroes berühmtem ‚Bean Blossom Bluegrass Park‘ in Indiana, statt, das zweite folgt Ende Mai 2012.

John Hotzes Geschichte ist viel zu lang, um sie in diesem Artikel vollständig zu erzählen, aber ich möchte kurz auf seine farbenfrohe und aufregende musikalische Reise als Teenager eingehen, auf der er John Hartford kennenlernte. Meine erste Begegnung mit John Hotze war, als ich die Instrumentenwettbewerbe beim ‚Mulberry Mountain Harvest Festival‘ in der Nähe von Ozark, Arkansas, moderierte. Er hatte sich etwa fünf Meter vor der Bühne positioniert und filmte die Wettbewerbe. Erst nach einem Gespräch mit Jeff Mankin, einem guten Freund von ihm, der ihn auf der Reise nach Arkansas begleitet hatte, erfuhr ich, welcher Bluegrass-Fan Mr. John Hotze war. Via E-Mail habe ich nun das Gefühl, dass wir Freunde sind, die ein gemeinsames Ziel verfolgen – auch wenn mein Engagement nur einen Bruchteil des Engagements Hotzes ausmacht: John Hartford zu ehren, sein Andenken zu bewahren und seine Musik lebendig zu halten. (…)
Wer ist also dieser John Hotze, welche Verbindung hat er zum Vermächtnis von John Hartford und wie organisiert man einfach so ein Festival? Vor Kurzem erzählte mir John Hotze einiges über seine Geschichte und seine Verbindung zu John Hartford. (…) „Mein Weg begann mit zwei Teenagern, die sich im Winter 1953 an einem Zeitungskiosk in Webster Groves, Missouri, unterhielten, während wir um ein Feuer in einer 200-Liter-Mülltonne saßen. Wir hießen beide John und das verband uns von Anfang an. Die Zeiten haben sich mittlerweile grundlegend geändert. Ich weiß nicht, ob Sie jemals TV-Serien wie ‚Leave It to Beaver‘, ‚Ozzie & Harriet‘ oder ‚Father Knows Best‘ gesehen haben, aber diese Serien haben wirklich gezeigt, wie das Leben in meiner Jugend war.“
Nebenbei bemerkt: John Kabe Hoztes Grab findet man auf dem JEFFERSON BARRACKS NATIONAL CEMETERY, 2900 Sheridan Road, St. Louis, MO 63125. /// Auf YouTube kann man eine Doku Hotzes über John Hartford sehen sowie viele seiner selbstgedrehten Videos; man findet sie HIER!
Und AN DIESER STELLE findet man vier Songs über John Kabe Hotze!
Dank geht von Birkenbihl Sammlung & Archiv an die Hotze Family in St. Louis sowie Uwe Hotze (Ingenieurbüro Dr. Hotze, Jena) sowie Ernie Hill vom JHF.
* = Als ‚riverman‘ bezeichnet man in Missouri Menschen mit einer tiefen Verbundenheit zum Wasser, zu Natur und Steamboat-Kultur und der Geschichte der Flüsse.
** = Das „John Hartford Memorial Festival“ ist eine familienfreundliche Veranstaltung in Southern Indiana (ehemals Bean Blossom, jetzt Springville), die das Erbe des Musikers John Hartford feiert. Es bietet Americana-, Roots- und Bluegrass-Musik, oft mit Unterstützung der Bluegrass Music Hall of Fame.
